Algoritmul de triaj – Erlebnisse mit Covid in Moldawien

Testlabor in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens

Schwer von Covid gezeichnet fuhr ich zu einem Krankenhaus am Rande der Hauptstadt Chisinau am Freitagabend, den 19.3.2021. In der Notaufnahme eine große Grafik: „Algoritmul de Triaj“ – es ging zwar dort nicht um Covid speziell, sondern waren allgemeine Anweisungen, wie man mit Notfall-Patienten umgeht, aber das Bild stand für eine Realität, von der man zwei Straßen weiter nichts mehr mitbekommt: Ambulanz-Autos bekommen die Patienten nicht mehr in den Krankenhäusern unter! Moldawien ist ein sogenanntes „Hochinzidenzgebiet“ und es kommen mehr Patienten, die behandelt werden müssen als Plätze da sind, wo sie behandelt werden können. Selbst wenn man ein Bett hat, hat man dazu noch lange nicht alles, was man zur Genesung braucht. Überall treffe ich Menschen, die Leute kennen, die an Covid gestorben sind.

Ich bin am 1. März nach Moldawien geflogen, um gespendete Hilfsgüter in Empfang zu nehmen, jüdische Stätten zu besuchen und Kontakt mit Überlebenden der Shoah, meine Suche nach Frieden, Hoffnung, Versöhnung und Völkerverständigung und auf der Blutspur der vertriebenen und ermordeten Juden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es waren beeindruckende zwei Wochen und der Heimflug war für den 14.3. geplant. Gegen Ende der Zeit drängte sich eine immer stärker werdende Erkältung auf, die ich nicht weiter ernst nahm, denn das Wetter konnte sich nicht zwischen Winter und Frühling entscheiden. Appetit hatte ich immer weniger, aber dieser ist mir bei den verfallenen jüdischen Friedhöfen, der verfallenen Plätzen, die vom Glanz der Vergangenheit, aber die Tristheit der Gegenwart darstellten sowie im Anblick der schreienden Not der Menschen dort ohnehin vergangen.

Dann hat Air Moldova den Flug verschoben auf Dienstag, während die Bundesregierung beschlossen hat, einen negativen Covid-Test zur Bedingung zu machen, um nach Deutschland fliegen zu können. Ich ließ mich testen und – Covid19 positiv! In meiner lockeren Art, der ich nie krank wurde, dachte ich, dass wenn das Covid ist, dann ist das nichts zum Fürchten – doch es kam anders! Es kam schlimm!

Zunächst haben mich meine moldawischen Freunde in ein Gästehaus des Hilfswerks: Hoffnungsträger Ost untergebracht, wo normalerweise ganze Teams übernachten, aber in dieser Zeit kamen keine Teams, so war ich allein in diesem großen Gästehaus „in der Residentenstraße“ (so hieß sie wirklich!). Es wurde mir Nahrung und Infrastruktur bereitgestellt: Küche, Zimmer, Bett, WLAN, Kochmöglichkeiten, aber alles musste kontaktlos erfolgen. Das Essen habe ich kaum angerührt, denn ich hatte keinen Appetit. So habe ich die folgenden Tage die ganze Zeit über mehr oder weniger geschlafen und mit Ibuprufen und Paracetamol mich der größten Beschwerden entledigt.

Aber es wurde schlimmer! Am Ende der ersten Woche bin ich in die Küche ins Erdgeschoss, um mir einen Tee zu machen und dann in den ersten Stock, wo ich lebte. Danach musste ich durchatmen und mich ausruhen und kam aus dem Husten nicht mehr raus! Ich habe nicht das Matterhorn bestiegen, sondern bin vom Erdgeschoss in den ersten Stock gelaufen! Meine Selbstbehandlung half nicht mehr, mir ging die Puste aus, ich konnte nicht mehr sprechen, ohne sofort husten zu müssen.

Am Freitag darauf schickten mich meine Freunde ins Krankenhaus am Rande der Stadt, wo ich zu spätabendlicher Stunde in einer Röhre die Lunge untersucht bekam – 40% waren angegriffen. Es folgten noch etliche Blutabnahmen an dem Abend und am folgenden Tag in einem anderen Labor. Ich fühlte mich wie ein alter Mann, und ich hing fest in Moldawien. Aufgrund meiner Gedankenlosigkeit war ich überhaupt nicht versichert – weder für eine Behandlung in Moldawien noch für eine Rückholaktion nach Deutschland. Meine moldawischen Freunde haben im Hintergrund alle möglichen Hebel versucht, in Bewegung zu setzen, aber zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, wie aussichtslos meine Lage eigentlich ist, in die ich mich durch meine dumme, überhebliche und naive Einstellung selbst hineinmanövriert habe. Ich hätte in Moldawien sterben können!

Danach nahm sich aus dem Freundeskreis eine Ärztin meiner an, die in ihrer Freizeit meine Werte analysierte, einen persönlichen Therapieplan aufstellte, mir alle notwendigen Medikamente brachte, mir jeden Abend zwei Spritzen gab und sogar mir selbstgemachte Pfannkuchen vorbeibrachte. Sie war nicht nur fachlich und handwerklich exzellent, sondern ein Engel, der mir als Kranken diente. Sie kam jeden Abend nach einem langen Arbeitstag, war für mich immer erreichbar, antwortete sofort auf meine Fragen und machte mir immer wieder neuen Mut.

Parallel sorgte mein Arbeitgeber nach einer Möglichkeit, mich nach Deutschland zu holen und dafür in Vorleistung zu treten, jedoch hätte das Ganze für mich etwa 30000€ gekostet, um mich von Chisinau nach Groß-Umstadt zu bringen. Doch aufgrund der schnell eintretenden Besserung musste diese Option nicht angewendet werden. In Moldawien selbst starben weiter die Menschen! Der Vater des Hausmeisters, der sich um die Infrastruktur des Gästehauses kümmerte, hatte auch Covid und lag in der Hauptstadt im Krankenhaus, 150 km weg von seinem Zuhause. Glücklicherweise wurde auch sein Zustand mir der Zeit besser.

Später bekam ich ein Sauerstoffgerät von einer Ambulanzklinik. Das Gerät stand in meinem Wohnzimmer und gab mir den nötigen Atem, und um mich herum starben die Leute. Dieses Gästehaus entwickelte sich zu einer der am Besten ausgestatteten Covid-Stationen in Moldawien, es war alles da, damit ich wieder auf die Beine kommen konnte. Der Rückflug war für den Sonntag, den 28.3. geplant – und brauchte dafür einen negativen Covid-Test. Da ich sichergehen wollte, ob ich mich testen lassen und gleich den Flug verschieben wollte, bat ich um einen Schnelltest. Dieser kostete aber 2000 Lei, das sind 100€ – also verzichtete ich darauf, zahlte für den PCR-Test weitere 40€ und rechnete mit Strafgebühren, um den Flug erneut zu verschieben. Zunehmend besser gehend war aber der Test am Freitag, de 26.3. negativ, und ich konnte nach Hause fliegen.

Zuhause angekommen erzählte mir meine Nichte, dass sie sich drei Schnelltests für 5€ beim Aldi besorgt hatte. Ich wollte die Dinger nicht sehen und konnte nur noch losheulen! In welcher Welt leben wir eigentlich?

„Algoritmul de Triaj“ – die Ärmsten trifft es am Schlimmsten, die harte Realität dieser Welt!

Address List

Social Networks

Initiative 22.Juni

Schreibe einen Kommentar