Hilfsgütertransport nach Moldau – Juli 2021

Kontext der Reise

Im Juli 2021 habe ich einen eigenständig organisierten Hilfsgütertransport nach Moldawien durchgeführt.

Der Anlass steht im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und den damit verbundenen historischen Verbrechen, insbesondere an der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa.

Ziel der Reise war die Übergabe gesammelter Hilfsgüter an Holocaustüberlebende und andere bedürftige Menschen in Moldawien.

Die Reise habe ich allein mit Auto und Zelt durchgeführt.

Reiseeindrücke 2021

Vorgeschichte

Die Initiative entstand aus der Erfahrung, dass Hilfe dort am wirksamsten ist, wo sie direkt ankommt.

Im Vorfeld der Reise wurden Hilfsgüter gesammelt und in sogenannten „80 Bananenkisten“ zusammengestellt, die für die Verteilung in Moldawien bestimmt waren.

Aufgrund der damaligen pandemischen Situation war eine persönliche Übergabe der ersten Spenden zunächst nicht möglich, weshalb die logistische Planung und Durchführung der Reise umso wichtiger wurde.

Persönliche Ausgangssituation

Etwa drei Monate vor der Reise hatte ich eine schwere Covid-Erkrankung durchlebt, von der ich mich nach meinem Eindruck ungewöhnlich schnell und vollständig erholte. Auch ärztlich wurde der Verlauf als bemerkenswert beschrieben.

Unabhängig davon entschied ich mich, die bereits geplante Reise wie vorgesehen anzutreten.

Reiseplanung

Die Fahrt nach Moldawien wurde in mehrere Etappen unterteilt, um die Belastung pro Tag zu begrenzen. Ziel war es, nicht mehr als etwa acht Stunden täglich zu fahren.

Geplant waren folgende Stationen:

  • Niederösterreich an der ungarischen Grenze
  • Cluj-Napoca (Rumänien)
  • Iași (Rumänien)
  • anschließend Einreise nach Moldawien

In Iași war ein PCR-Test vorgesehen, um – bei negativem Ergebnis – die Einreisebedingungen zu erfüllen und Quarantäne zu vermeiden.

Start in Groß-Umstadt, auf dem Weg noch Milch beim Bauer Meyer in Habitzheim geholt

Reiseverlauf (Etappe 1)

Etappe 1 – Deutschland bis Österreich

Die Reise begann in Groß-Umstadt. Erste Zwischenstation war Niederösterreich, wo ich bei Freunden übernachtete.

Die Fahrt verlief bei typischem Sommerwetter mit einzelnen Verzögerungen durch Baustellen und Verkehr.


Etappe 2 – Ungarn

Die Durchfahrt durch Ungarn war geprägt von längeren Staus und Wartezeiten auf der Autobahn. Dadurch verzögerte sich die geplante Etappe deutlich.


Etappe 3 – Rumänien

In Rumänien führte die Route durch unterschiedliche Landschaftsformen. Besonders der Norden (Maramureș) fiel durch seine bergige Struktur, traditionelle Bauweise und ländliche Prägung auf.

Nach etwa acht Stunden Fahrzeit erreichte ich Iași nahe der moldawischen Grenze.

🧪 Aufenthalt in Iași

In Iași wurde ein PCR-Test durchgeführt, um die Einreise nach Moldawien ohne Quarantäne zu ermöglichen.

Während der Wartezeit besuchte ich die Innenstadt sowie den jüdischen Friedhof und das Mahnmal an die Deportationen von 1941.

Dieser Ort stellte einen direkten historischen Bezug zur Motivation der Reise her.

Kränze von der Gedenkfeier an die Pogrome 1941

⛺ Reiseform und Unterwegssein

Die Reise wurde bewusst nicht nur als Transportfahrt, sondern auch als einfache Campingreise mit Zelt gestaltet.

Übernachtet wurde an unterschiedlichen Stationen entlang der Route, teilweise auf einfachen Stellplätzen in der Natur.

Die Reise blieb insgesamt flexibel und offen für spontane Anpassungen.

6. Juli – Ankunft und Wiedersehen

Am 6. Juli kam ich in Moldau an.

Im Zentrum stand zunächst das Ankommen und das Wiedersehen mit Menschen, die mich während meiner Covid-Erkrankung 2021 unterstützt hatten. Besonders bewegend war der Weg zu dem Gästehaus am Hang, in dem ich damals untergebracht war. Der Aufstieg war damals körperlich kaum möglich – heute erinnerte er vor allem an die Zeit meiner schnellen und ungewöhnlichen Genesung.

Am Nachmittag fuhr ich nach Ungheni (ca. 80 km), um Freunde zu besuchen und mitgebrachte Geschenke zu übergeben.

Das Land zeigte sich im Sommer ungewöhnlich grün – ein Kontrast zu früheren Besuchen im Winter oder Frühjahr, in denen Landschaft und Vegetation deutlich karger wirkten.

Gästehaus: Casa Sardarului

7. Juli – Übergabe der Hilfsgüter in Chișinău

Der zentrale Zweck der Reise wurde am 7. Juli erreicht:

Die für Holocaust-Überlebende bestimmten Hilfsgüter wurden an die jüdische Gemeinde in Chișinău übergeben.

Die Kisten waren vorab per Spedition nach Moldau gebracht worden. Vor Ort erfolgte die Verteilung in zwei Fahrten mit einem Transportbus zur jüdischen Schule sowie zur Organisation „Hesed“, die viele ältere jüdische Menschen betreut.

In Moldau leben heute noch rund 250 Holocaust-Überlebende, die damals Kinder waren und inzwischen über 80 Jahre alt sind. Insgesamt umfasst die jüdische Gemeinschaft im Land etwa 5.000 Menschen.

Herr Alexandr Hudis nahm die Hilfsgüter entgegen und bedankte sich ausdrücklich. Dieser Dank gilt allen Spenderinnen und Spendern.

Hilfsgüter werden von Alexandr Hudis, dem Betreuer der Holocaust Überlebenden empfangen

8. Juli – „Mini Decki“ im Frauengefängnis Rusca

Am 8. Juli wurden im Frauengefängnis Rusca Decken des Projekts „Mini Decki“ übergeben.

Das Projekt stellt handgefertigte Decken bereit, ursprünglich für geflüchtete Kinder. Da der Bedarf dort zurückging, wurden die Decken speziell für Moldau weitergegeben.

Im Gefängnis werden auch Kinder geboren, die bis etwa zum dritten Lebensjahr bei ihren Müttern bzw. in einem eigenen Kinderbereich leben.

Direkter Kontakt zu den Inhaftierten war aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht möglich. Die Übergabe erfolgte an das Wachpersonal zur Weitergabe.

Kinder erhalten die Decken

9. Juli – Alltag in Chișinău

Der 9. Juli war ein Tag des persönlichen Alltags.
Gemeinsam mit meinem Patenkind und seiner Mutter besuchte ich den Zoo sowie einen Park in Chișinău. Ein Teil des Tages wurde auf dem Wasser verbracht.

Kulinarisch typisch war unter anderem „Agroschka“, eine kalte Sommersuppe aus Gemüse, Eiern, Dill und Kefir.

10. Juli – Besuch bei einer Holocaust-Überlebenden

Am 10. Juli besuchte ich Tamara Fadeeva, eine Holocaust-Überlebende.

Ihr Lebensweg steht exemplarisch für die wechselvolle Geschichte der Region: rumänische Verwaltung zwischen den Weltkriegen, sowjetische Eingliederung, Besetzung im Zweiten Weltkrieg und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch deutsche und rumänische Truppen.

Ihr Vater wurde 1943 erschossen, ihre Mutter deportiert. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie die genauen Umstände.

Der Besuch war geprägt von persönlichen Gesprächen und historischen Dokumenten, darunter erhaltene Fotografien aus der Zeit der Lagerhaft.

Tamara Fadeeva erzählt ihre Lebensgeschichte

Orhei Vechi – Landschaft und Kultur

Ein Ausflug führte nach Orhei Vechi, einer der bekanntesten Landschaftsregionen Moldaus mit Felsenkloster und traditionellen Dörfern im Tal des Răut.

Die Region verbindet Natur, religiöse Geschichte und ländliche Kultur. Typisch ist die einfache Sommerküche mit gegrilltem Gemüse und frischen Salaten.

Ausblick vom Felsenkloster

11. Juli – Parlamentswahlen

Am 11. Juli fanden Parlamentswahlen in Moldau statt.

Ich war mit meiner Gastfamilie in einer kleinen Baptistenkirche nahe Holercani, unweit von Pridnestrovie. Aufgrund der Wahlen kam es zu Polizeikontrollen in Grenznähe.

Am Nachmittag wurde ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.

Die Wahl endete mit einem Sieg der proeuropäischen Partei PAS unter Präsidentin Maia Sandu.

12. Juli: Jüdisches Erbe in Chisinau

Am 12. Juli besuchte ich verschiedene Orte des jüdischen Lebens in Chișinău, darunter den jüdischen Friedhof und ehemalige Synagogenstandorte.

Ein zentrales Thema war das Pogrom von 1903, das durch antisemitische Falschmeldungen ausgelöst wurde und zahlreiche Opfer forderte.

Der jüdische Friedhof umfasst etwa 25.000 Gräber und wird teilweise noch genutzt.

Viele historische Gebäude sind nur noch als Ruinen oder umgenutzte Bauwerke erhalten.

Verfallene jüdische Gebetsstätte am Friedhof

13. Juli – Ruhe und Alltag

Der 13. Juli war ein ruhiger Tag.

Neben Erholung und Aufenthalt im Gästehaus zeigte sich Moldau in sommerlicher Hitze von über 30 Grad.

Das Land wirkt in dieser Jahreszeit landwirtschaftlich geprägt und stark von regionaler Selbstversorgung abhängig.

14.–15. Juli – Stadt, Geschichte und Pridnestrovie

Weitere Tage waren der jüdischen Geschichte Chișinăus sowie dem Alltag in der Region gewidmet.

Dabei zeigte sich deutlich die historische Bruchlinie zwischen jüdischem Leben vor 1940, der sowjetischen Zeit und der heutigen Situation.

Ein Ausflug führte in Dörfer am Nistru nahe Pridnestrovie, einem international nicht anerkannten Konfliktgebiet.

Die Region ist geprägt von einem eingefrorenen Konflikt, der seit 1992 besteht.

Der Nistru (Dnjestr) bei Dubasari

16.–18. Juli – Abschied und Rückreise

Die letzten Tage in Moldau waren von Abschied geprägt.

Am 16. Juli verbrachte ich Zeit am Valea Morilor in Chișinău.

Am 17. Juli führte eine Fahrt nach Dubăsari in Pridnestrovie zu einem Holocaust-Mahnmal, das nur schwer auffindbar war. Die Begegnung mit einem jungen Einheimischen, der schließlich den Ort mithilfe seiner Großmutter lokalisierte, blieb besonders in Erinnerung.

Am 18. Juli begann die Rückreise über Rumänien mit weiteren Besuchen jüdischer Gedenkorte.

Gedenkmal in Dubasari: What for? Wofür???

Rückkehr

Nach einer rund neunstündigen Fahrt kam ich am späten Nachmittag wieder in Groß-Umstadt an. Damit endete die Reise.


Rückblick

Die Reise war ursprünglich nur bis zur Ankunft in Moldau geplant und entwickelte sich im Verlauf deutlich weiter als erwartet.

Viele Begegnungen und Orte ergaben sich spontan – durch Umwege, Hinweise oder unerwartete Begegnungen.

Besonders prägend waren die Übergabe der Hilfsgüter, die Begegnungen mit Menschen vor Ort sowie die historischen Orte in Moldau und Rumänien.


Schlussgedanke

Die Reise hinterließ Eindrücke zwischen Hilfeleistung, Geschichte und persönlichen Begegnungen – und bleibt als vielschichtige Erfahrung in Erinnerung.

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